Anne Notbohm, 74 Jahre

Nach einem längeren Abwägungsprozess und einigen Unsicherheiten habe ich mir im November 2016 am Klinikum Braunschweig ein Chochlea Implantat einsetzen lassen. Die Operation war für mich ein großer Schritt, vor dem ich anfangs schon etwas Angst hatte, der dann aber mein Leben verändert hat. Nachdem ich auf dem rechten Ohr komplett taub geworden war und ich im Alltag mit meinen Freunden immer weniger aktiv teilhaben konnte und mich in großen Gesprächsrunden sehr konzentrieren musste, habe ich nun wieder richtig an Lebensqualität gewonnen.

Wenn auch Hörgeräte nicht mehr helfen

Der Weg zu dieser Entscheidung war ein längerer. Ich bin Grundschullehrerin und schon in meinem letzten Jahr vor der Pensionierung habe ich hin und wieder gemerkt, dass ich die Kinder nicht immer vollständig verstehe. Kurz nach meinem Ruhestand im Jahr 2008 habe ich verschiedene Hörgeräte getestet und war sehr enttäuscht, denn gebracht haben sie wenig. Ich habe dennoch eines getragen, aber so richtig toll war das nicht. Schon damals fing es an, dass Gespräche in großen Räumen oder großen Gesellschaften schwierig für mich zu verstehen waren. Auch die Akustik im Kino oder im Theater war ein Hindernis. Nach und nach habe ich aufgehört, zu telefonieren und Musik zu hören – das war eine große Einschränkung. Irgendwie habe ich mich aber so „durchgeschummelt“, zum Beispiel habe ich eher E-Mails oder SMS geschrieben statt jemanden anzurufen. Ein guter „Trick“ war auch, Filme im Original mit Untertiteln zu gucken oder im Theater ein Ballett statt ein Schauspiel zu besuchen. Ich habe einen großen Freundeskreis, der viel Rücksicht auf mich genommen hat. Dennoch war das Hören in großen Runden immer sehr anstrengend für ich, weil ich mich sehr konzentrieren musste.

 

Eine gute Beratung hilft bei der Entscheidung

Im Frühling 2016 war plötzlich mein rechtes Ohr komplett taub. Erst dachte ich, die Batterie von meinem Hörgerät ist leer, war sie aber nicht. Ich habe mir dann einen klingelnden Wecker ans Ohr gehalten und nichts gehört – das war ein großer Schock! Ich hing total in der Luft, bis meine Schwiegertochter, die am Klinikum Braunschweig arbeitet, mir die HNO-Klinik empfohlen hat. Das war ein guter Tipp. Frau Dr. Vorwerk, die Oberärztin in der HNO-Klinik ist, hat gleich gesagt, sie könne mir nichts versprechen, aber schlechter würde es auf keinen Fall werden. Ich hatte lange Zweifel, ob ich die Operation machen soll. Schließlich wird einem das Ohr aufgeschnitten, das ist nicht so eine tolle Vorstellung. Allerdings hatte ich auch Sorge, dass mein linkes Ohr auch noch ausfällt und ich komplett taub werde. Diese Bedenken haben meine Entscheidung stark beeinflusst. Hinzu kam die gute Beratung durch Frau Dr. Vorwerk. Sie war sehr einfühlsam und sachlich zugleich. Sie hat mir genau erklärt, was bei der OP passiert und war immer offen für meine Fragen.

 

Nach der Operation – manches ungewohnt, vieles besser

Am Tag der Operation war ich trotzdem nervös. Nach der OP sagte mir Chefarzt Prof. Gerstner, der mich operiert hat, dass alles gut verlaufen ist. Gemerkt habe ich allerdings nichts, denn vorerst hat man ja nur ein Implantat, die Erstanpassung erfolgt ja erst später. Als ich dann bei der Erstanpassung nach drei Wochen die ersten Geräusche hörte, war das schon beeindruckend. Man sagt ja immer, mit einem Chochlea Implantat klingt anfangs alles nach Mickey-Mouse-Stimmen, aber so schlimm war es nicht, - nur etwas blechern. Vielmehr habe ich so deutlich wie lange nicht mehr gehört! Erst da habe ich richtig realisiert, wie wenig ich eigentlich vorher nur noch gehört habe. Das Hören macht wieder Spaß, weil es nicht mehr so anstrengend ist und ich nur noch selten nachfragen muss.

 

Endlich wieder hören

Natürlich muss man mit dem CI viel üben, vor allem hören, indem man viele Gespräche führt. Die Zeit in der Reha und der Austausch mit anderen Patienten haben mir viel geholfen. Für die Ergebnisse lohnt es sich aber allemal! Als ich das erste Mal im Autoradio den Verkehrsfunk gehört habe, das war unglaublich! Mittlerweile kann ich sogar eine Wanduhr ticken hören. Da war ich wirklich überrascht. Was für mich aber das Schönste ist: Ich kann wieder Sprache verstehen, klar und deutlich – Das war für mich ein richtiges Wunder! Eine Freundin sagte neulich zu mir: „Wie schön, dass wir uns wieder unterhalten können.“ Das stimmt. Ich bin wieder mitten drin! So viel hatte ich nicht erwartet. Wenn heute in großer Runde plötzlich alle lachen, dann habe ich den Witz auch gehört. Das ist wirklich schön.


Meine Tipps für die Entscheidungsfindung:
  • sich überlegen, was einem persönlich fehlt, was man verpasst
  • gut informieren
  • ggf. Zweitmeinung einholen
  • alle Fragen offen mit dem Arzt besprechen
Argumente für oder gegen ein CI

Pro:

  • ich kann mich wieder unbeschwert mit meinen Freundinnen unterhalten, bin aktiver dabei und einfach fröhlicher
  • ich kann im Kino wieder alles verstehen, was mir wirklich wichtig ist
  • ich spiele Tennis und Volleyball, - beides kann ich mit dem Implantat machen

Contra:

  • die Optik eines Hörgeräts ist natürlich nicht so toll, aber ich habe eine gute Friseurin
  • man muss im Urlaub ziemlich viel Ausrüstung mitnehmen: Akkus für den Prozessor, die Ladestation, Trockentabletten, Fernbedienung für verschiedene Umgebungen
  • bei extremen Nebengeräuschen ist das Verstehen manchmal immer noch schwierig

Fazit:

„Es ist ein unheimlicher Gewinn an Lebensqualität. Ich würde diesen Schritt immer wieder machen. Es überwiegt einfach das Positive!“