Die aktuelle dritte Welle hat eine völlig andere Auswirkung auf die stationäre Covid-19-Versorgung als es in den ersten beiden Wellen der Fall war. Im Wesentlichen ist dies auf die englische Variante (B.1.1.7) zurückzuführen, die mittlerweile so gut wie ausschließlich im Großraum Braunschweig nachgewiesen wird.

Die ersten beiden Wellen waren dadurch geprägt, dass aufgrund nicht verfügbarer Impfungen sowie zahlreicher Ausbruchs-geschehen in Alten- und Pflegeheimen das Durchschnittsalter und die Zahl der Vorerkrankungen stationärer Patientinnen und Patienten sehr hoch waren und somit multimorbide ältere Menschen keine gute Prognose hatten. Das Ergebnis waren sehr hohe Todesraten bei oft kurzen, damit verbundenen Krankenhausaufenthalten. Dies hatte entsprechend auch zur Folge, dass die Liegezeiten auf den Intensivstationen im regionalen Maximalversorger im Durchschnitt nur bei 10 bis 14 Tagen lagen. Ein weiteres Ergebnis war, dass durch die Breite der Neuinfektionen und Ereignisse der ersten beiden Wellen auch nur 10% der allgemeinstationären Patientinnen und Patienten später intensivpflichtig versorgt werden mussten.

Die Lage auf den Covid-19-Normalstationen des Klinikums Braunschweig ist zurzeit im Vergleich zu den ersten beiden Wellen und entsprechenden Spitzenzeiten ruhig. Das liegt an den vielen Neuinfektionen von Menschen im jüngeren Alter zwischen 15 und 35 Jahren, die primär ambulant und nicht akutstationär versorgt werden können und weiterhin milde Verläufe haben.

Da die Impfungen bei den über 70-Jährigen wirken, ist diese Altersgruppe kaum noch im stationären Kontext zu sehen. Auch, weil es dadurch fast keine Ausbrüche mehr in den Pflege- und Altenheimen gibt. Die stationär zu behandelnden Patientinnen und Patienten sind jetzt mit einem Alter zwischen 50 und 70 Jahren deutlich jünger als in der Vergangenheit und jeder zweite zu Behandelnde muss intensivmedizinisch versorgt werden. Die Sterblichkeit der auf der Intensivstation zu behandelnden Patientinnen und Patienten ist mit rund 50% sehr hoch und die meisten dieser Patientinnen und Patienten weisen keine oder nur wenige Vorerkrankungen auf. Sie versterben also direkt als Folge einer SARS-CoV-2-Infektion und nicht mehr wie noch in den Wintermonaten in Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion.

Aufgrund des jüngeren Durchschnittsalters verlängert sich aber der Intensivaufenthalt auf mehr als drei Wochen, was bei einer ungebremst ansteigenden Zahl an Infektionen zu einer überproportionalen Belegung der Intensivstationen im Städtischen Klinikum Braunschweig führen wird.

Der Ärztliche Direktor des Klinikums Braunschweig, Dr. Thomas Bartkiewicz, zeigt sich besorgt: „Es ist außerdem neu, dass die Verschlechterung des Krankheitsbildes noch sehr viel schneller eintritt. Die Erkrankten kommen nicht mehr wie bisher im Verlauf von vielen Tagen über die Allgemeinstation auf die Intensivstation, sondern direkt aus den Rettungswagen dorthin, nachdem sich ihre gesundheitliche Lage während der ambulanten Betreuung dramatisch verschlechtert hat. Mittlerweile sind dies ein bis zwei Patienten pro Tag.“

Die Intensivkapazitäten in der Region sind zunehmend ausgeschöpft bzw. überschritten. Für die Region errechnet sich schon jetzt eine 7-Tage-Inzidenz von 159,5 (zwischen 82,2 in Goslar bis 325,1 in Salzgitter, Stand 14.04.2021, 11.00 Uhr), Tendenz stark ansteigend. Die Landkreise Peine und Gifhorn sind bereits am Rande ihrer intensivmedizinischen Kapazitäten als Hochinzidenz-Landkreise und haben dies auch schon angemeldet. Auch die Einsicht in das DIVI-Register zeigt bundesweit eine deutlich zunehmende Belegung der Intensivkapazitäten, insbesondere auch aller unserer benachbarten Landkreise.

Seit Beginn der Pandemie wurde die Stufe 3 der Covid-19-Allgemeinversorgung, die im regionalen Maximalversorger 85 Betten umfasst, bisher noch nicht überschritten. Im Bereich der Intensivversorgung befindet sich das Klinikum aktuell bereits in Stufe 3, mit insgesamt 19 möglichen Behandlungskapazitäten. Diese sind schon zu 66% ausgelastet, mit weiterhin zunehmender Tendenz. In der zweiten Welle hatten wir maximal eine Auslastung von unter 40% in der Spitzenphase. Da mit einer kompletten Auslastung dieser Betten in den kommenden 7 – 10 Tagen zu rechnen ist, wird die Bereitstellung weiterer Intensivkapazitäten bereits vorbereitet. Die Intensivversorgung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten ist sowohl für den pflegerischen als auch den ärztlichen Dienst deutlich personalintensiver, alleine schon durch die einzuhaltenden aufwendigen Hygienemaßnahmen und strikten Raumtrennungen. Aus diesem Grund wurde bereits das OP-Programm erheblich eingeschränkt. Mit der Maßgabe, dass nur noch lebensrettende Eingriffe möglich sind.